Überfahrt Tianjin/Shanghai 26.03.-01.04.:
Die eigentliche Überfahrt von Tianjin hat zwar nur zwei Tage gedauert, aber
wir mussten aufgrund von Nebel Gezeiten und wahrscheinlich auch nicht
bezahlter Schmiergelder dort noch vier Tage vor Anker liegen bevor wir in
den Hafen einlaufen konnten. Bei der Ausfahrt aus Tianjin durfte ich den
Rudergänger machen, das war ziemlich cool mit dem 143m-Schiff durch den vor
Schiffen nur so wimmelnden Fluss zu pflügen. Das Vorankerligen war dann
allerdings weniger erquickend, da es zuerst hieß, dass ich schon in Shanghai
von Bord gehen sollte, wir sogar schon einen Kurzurlaub nach Litauen gebucht
hatten, aber dann aufgrund von Visaformalitätsproblemen mit den blöden
Chinesen ausgefallen ist. Egal, Panama ist ja nur ein Katzensprung von 29
Tagen von Shanghai entfernt...
Shanghai 02.04.-04.04.:
Angekommen in Shanghai ging das Laden dann tatsächlich auch ziemlich fix,
auch wenn aus den anberaumten 24 Stunden natürlich nichts geworden ist. Für
die Ausstellung eines Ausreisevisas hätte es dennoch fast gereicht. Naja.
Da wir wussten, dass das Laden nicht so lange dauern würde wollten wir
natürlich möglichst schnell von Bord um uns Shanghai doch etwas aus der Nähe
anzusehen. Daraus wäre allerdings zuerst fast gar nichts geworden, da wir
feststellen mussten, dass die chinesischen Behörden nur für drei
Besatzungsmitglieder Landgangspässe ausgestellt hatten. Dann haben wir aber
bemerkt, dass die Pässe die wir in Tianjin bekommen haben für ganz China und
die Dauer der gesamten Reise gelten. Also schnell kurz nach Feierabend ein
Taxi gerufen und für schon nicht mehr ganz schnäppchenhafte 50 Dollar in die
City. Zugeben man fährt auch gut fast eine Stunde aber dennoch Wucher. Aber
die Halsabschneidermafia wartet ja an jeder Hafeneinfahrt. Ausgesetzt hat
man uns am People´s Square, mitten im Herzen von Shanghai. Dort steckt das
Geld, da steppt der Bär. Rechts Aston Martin, links Porsche und Ferrari.
Nicht ganz unsere Preisklasse wie wir feststellen mussten. Wir wollten doch
nur gemütlich ein zwei Bierchen in netter Atmosphäre trinken. Die Straßen
und Gassen waren allerdings sehr schick, auch wieder so Marke englischer
Kolonialstil, aber das ganze super erhalten und top gepflegt. Als erste
Station haben wir uns dann die Davidoff Lounge ausgesucht, welche sich als
getarntes Münchner Hofbräuhaus entpuppte, wo wir dann bei wirklich guter
Live Musik Paulaner Hefeweizen für neun Euro das Glas Getrunken haben. Da
wir mit Blick auf den Geldbeutel nicht allzu lange in diesem feinen
Etablissement verweilen konnten haben wir uns nach dem zweiten dann auch
wieder auf die Strasse begeben um noch etwas Sightseeing zu machen. Wirklich
ganz schön das alles und man kann sogar sagen auch geschmackvoll. Viel Licht
natürlich, in allen Farben, aber trotzdem nicht kitschig. Obwohl die ganzen
Bäume an der Hauptstrasse geschmückt waren wie bei uns zur Weihnachtszeit.
Die Strassenüberführungen beleuchtet von unten in coolem neonblau. Sehr
futuristisch.
Wir wollten uns schon auf den Weg nach Hause begeben, da uns dort alles zu
teuer schien und wir lieber noch am Hafen eine Kaschemme aufsuchen, da hat
uns ein nicht ganz uneigennützig hilfsbereiter Chinese den Weg zu einer doch
ziemlich coolen Bar gewiesen, wo er nachdem wir angekommen waren seine
Provision vom Eigentümer bekam und von dannen zog. Dort war es ganz
heimlich, die Musik gut und das Bier bezahlbar. Und dort haben wir auch
einen sehr netten Engländer kennengelernt der schon seit 15 Jahren in China
lebt und mit dem wir uns gut unterhalten haben. Leider mussten der 2.
Offizier und der 2. Ingenieur schon wieder um zwölf zurück am Schiff sein da
sie Wache hatten. Aufgrund der guten Atmosphäre und der guten Unterhaltung
hatte ich einfach so gar keine Lust schon zurück zum Schiff, vor allem da
ein Monat auf See vor uns lag. Also entschied ich mich die beiden vorfahren
zu lassen, später nachzukommen und mit dem Engländer noch ein wenig weiter
zu ziehen. Kaum waren die Beiden weg viel mir ein, däääännnnnnnggggggggg,
die haben ja die Adresse von unserem Liegeplatz mitgenommen... arg, wie komm
ich wieder nach Hause?? Und Shanghai ist dann doch mal eeeeetwas größer als
der doch recht überschaubare Teil von Tianjin den wir erkundet haben. Aber
der Engländer meinte ich solle mir mal nicht so einen Kopf machen, das würde
sich schon finden, er kenne sich schließlich aus und wir sollten jetzt
weiterziehen. Gesagt getan, doch nachdem wir noch zwei Läden abgeklappert
hatten war es dann auch für mich Zeit zurück zum Schiff zu fahren, da ich
mindestens meine acht Stunden Schönheitsschlaf brauche, aber da mein Dienst
um sieben Uhr anfängt wollte ich mich in dieser Nacht mit wenigstens vier
begnügen. Dank der Chinesischkenntnisse meines neuen Freundes konnten wir
dann auch den Besitzer des letzten Clubs nach dem Weg zum Hafen fragen.
Dieser gab auch bereitwillig Auskunft und meinte, dass recht viele Seeleute
bei ihm verkehren. Netter Weise hat er dann auch gleich ein Taxi gerufen und
den Fahrer instruiert. Dummer Weise allerdings mit völligem Quatsch, denn
nach zehn Minuten Fahrt hielt das Taxi an und der Fahrer meinte wir wären
da. Irgendwo in Shanghai vor einem Hotel, nirgendwo auch nur ein bisschen
Wasser zu sehen, nachts um halb drei. Offensichtlich also nicht der Hafen,
geschweige denn der Liegeplatz meines Schiffes. Unverständnis seitens des
Taxifahrers, diskutieren zwecklos, lost in translation. Und da waren sie
wieder meine drei Probleme, keine Ahnung wo ich bin, keine Ahnung wo ich hin
muss, kein Chinesisch. Glücklicher Weise habe ich auf dem Weg gesehen das
ein Hyatt Hotel an der Strasse lag, die Sprechen Englisch und sind die ganze
Nacht besetzt, also hin. Während des Gehens habe ich dann schon mal Mein
Automatisches Geonavigations System, kurz MAGS, in Hamburg angerufen, um
mich schon einmal so ungefähr mittels Google Earth und Vesseltracker
(Anzeige von Schiffspositionen im Internet) einnorden zu lassen. Mit Hilfe
meiner Lieblingsfreundin dann und den wirklich sehr netten und hilfsbereiten
Rezeptionistinnen des Hyatt Hotels (kann ich nur weiter empfehlen) ist es
uns dann schließlich gelungen den ungefähren Liegeplatz des Schiffes zu
bestimmen und ein weiteres Taxi zu rufen. Mittlerweile war es halb vier. Los
ging die wilde Fahrt. Nichts auf dem Weg kam mir vom Hinweg bekannt vor,
aber die ungefähre Richtung stimmte. Nach ca. einer Stunde hielten wir dann
vor einer Zufahrt zum Hafen. Aussteigen, Papiere zeigen. Wildes
Kopfschütteln des Pförtners, und Gestikulieren in eine andere Richtung. Also
wohl nicht hier. Wir fahren weiter zum nächsten Tor, fragende Blicke der
Pförtner, Papiere zeigen, durchfahren. Nur leider war bei den vielen
Schiffen die an dieser Pier lagen unser Schiff nicht mit dabei. Der
Taxifahrer war schon mittelschwer genervt. Aber ich dachte mir cool bleiben.
Was machen? Idee. Ich bin ausgestiegen und die Gangway zum nächsten Schiff
hochgelaufen. Die haben doch Radar und AIS die müssten doch rausfinden
können wo ich hin muss. Habe ich also den Gangwaywatchman angesprochen. Hey
you, seaman. I also seaman, I have problem, I cannot find my vessel. Ein
Glück er spricht Englisch. What name of your vessel? Ich: BBC Ems. Er: Ok, I
ask my Officer on bridge. Ein paar Minuten vergehen. Dann er: No, problem we
find your ship. It is about three miles from here. Bearing 100 degrees (3
Meilen entfernt, Kompasspeilung 100 Grad) Ich: Thank you very much, what is
the name of the jetty? Er: No idea. Wait I ask foreman. Der Vorarbeiter hat
dann wiederum die Hafenverwaltung angefunkt und nach dem Liegeplatz gefragt.
Nach einer weiteren viertel Stunde kam als Antwort allerdings nur ein we
cannot find BBC Ems. Ob es ok wäre wenn sie die Polizei zur Unterstützung
anfordern. Polizei? Natürlich, her damit, wenn die es nicht rausfinden wer
dann? Ich will doch nur nach Hause. So glücklich haben die wohl noch nie
einen nach der Polizei rufen sehen. Mittlerweile halb sechs. Die Jungs in
der schwarzen Uniform sind dann nach weiteren 20 Minuten eingetroffen und
haben dann auch innerhalb von 10 Minuten den Namen des Liegeplatzes
rausgefunden. Da sag noch einer ein Polizei und Überwachungsstaat sei nichts
tolles. Weitere Instruktionen wurden an meinen sich die Haare raufenden
Taxifahrer gegeben, der bei den Worten Polizei auch alles andere als
glücklich ausgesehen hat. Also auf zum Endspurt. Neenee, nicht so schnell.
Obwohl mein persönlicher Chauffeur nun wusste wo es hingeht, hat er den Brei
anscheinend schon so auf gehabt, dass er wild hupend ein anderes Taxi von
der Strasse zum Halten gebracht hat, sein Geld haben wollte, dem neuen
Fahrer gesagt hat wo es hingeht, abgehauen ist und mich hat stehen lassen.
Versöhnlicher Weise waren diese letzen Anweisungen dann aber korrekt und als
wir am Hafentor ankamen konnte ich auch schon die BBC Ems in der Morgensonne
glitzern sehn. Papiere zeigen, Taxifahrer bezahlen, zu Hause. Pünktlich um
viertel vor sieben zum Dienstbeginn.
Die durchgemachte Nacht habe ich übrigens besser weggesteckt als ich
erwartet hatte und zum Glück war auch nur Treibstoff Bunkern angesagt, so
dass wir die meiste Zeit des Tages an Deck in der frischen Luft verbringen
konnten. Den Ladevorgang haben wir am nächsten Tag abgeschlossen und jetzt
befinden wir uns schon mittlerweile wieder über zwei Wochen auf See in
Richtung Panama, von wo aus ich dann endlich und verdient nach Hause fliegen
werde. Richtet Euch auf meine Ankunft am 1. Mai ein.
Viele liebe Grüße von Norden bis Süden, von Osten bis Westen Euer guter
alter Jan.
(und für Phillip: Ich rufe dich Galaktika, vom fernen Stern Andromeda... ;-)