Dienstag, 6. April 2010

China Bericht Nr.1

Hallo allerseits,

jetzt habt ihr schon so lange nichts mehr von mir gehört, dass ihr euch
sicher schon gefragt habt ob ich vielleicht untergegangen bin, oder sogar
einfach schon wieder zu Hause sitze, es mir gut gehen lasse und einfach zu
faul bin zum schreiben. Weder noch ist dem so. Aber in letzter Zeit gab es
einfach immer so viel zu tun und wenn ich dann mal Zeit hatte, dann hab ich
auch tatsächlich keine Lust gehabt noch etwas zu Papier zu bringen. Deshalb
hier nun der Nachtrag zu den vergangenen Wochen.

Die Überfahrt von Kanada nach China 18.02.-08.03. :

Die Reise von Vancouver nach Longkou ist erfreulich ereignislos verlaufen,
was für die Jahreszeit und die Passage der Beringsee keine
Selbstverständlichkeit ist. Außer 7-8 Windstärken an zwei drei Tagen und
etwas bewegter See sind wir von den wilderen Auswüchsen dieser Gefilde im
Winter verschont geblieben. Während der Durchfahrt zwischen den Aleuten
haben wir prächtige Ausblicke auf verschneite und vereiste Vulkane gehabt
und da ich die erste Tageshälfte auf der Fahrt auf Brücke verbracht habe
konnte ich das auch glatt genießen und auch ein paar Fotos machen. Die
restliche Arbeitszeit habe ich mit der Deckcrew verbracht, fast
ausschließlich mit Reinigungsarbeiten in der Accomodation. Denn bei
Minustemperaturen fallen sämtliche Arbeiten an Deck einfach mal aus. Da die
Überfahrt 18 Tage gedauert hat war es hinterher auch seeeeeehr sauber.
Aufgrund der niedrigen Außentemperatur hatten wir auch Eis an Deck.
Seewasser friert erst bei -4 Grad, bildet dann aber bei ständiger Spray die
vom Bug überkommt doch recht schnell ansehnliche Schichtdicken. Auf dieser
Reise zwar nicht so viel das wir uns ernsthaft hätten Gedanken machen müssen
aber doch genug das wenn man auf das Vorschiff gegangen ist, sich gefühlt
hat wie in einem Eispalast. Beweisfotos folgen. Als wir dann wieder in
befahrenere Gewässer bei Japan gekommen sind habe wir mit ganzem
Körpereinsatz das Schiff von der Eislast befreit um zumindest wieder unsere
Positionslichter zeigen zu können. Während meiner Zeit auf Brücke habe ich
dann auch endlich von unserem Chiefmate die Astronavigation verständlich
erklärt bekommen, sowie auch Besteckrechnung nach vergrößerter Breite und
Großkreisnavigation. Navigatorisch ein ganz großer Schritt nach vorne für
mich.

Löschhafen Longkou 08.03.-13.03. :

Longkou (chin. Das Maul des Löwen) gelegen am südöstlichen Ende der Bohai
Bucht, ist eine für europäische Verhältnisse große Stadt, für China aber
wohl eher klein und zudem ein ziemliches Drecksnest. In der Stadt gibt es
trotz der Größe so gut wie nichts, so dass ich auch die ganze Zeit über an
Bord geblieben bin und meine Zeit auf der Gangwaywache abgesessen habe. Die
Löscharbeiten liefen zuerst sehr gut, haben sich dann aber doch noch etwas
in die Länge gezogen, da das Viehfutter welches wir geladen hatten direkt
vorm Schiff in Säcke gefüllt wurde. Trotz vieler kleiner Chinesenhände
brauchte das seine Zeit.

Trockendock, Überholung des Schiffes in Tianjin 14.03.-26.03. :

In Tianjin, quasi einem "Vorort" Pekings, schnuckelige 6-9 Millionen
Einwohner und angeblich größte Hafen Chinas, haben wir die überfällige
Überholung unseres Schiffes durchgeführt. Im Maschinenraum wurde von einer
Schar Chinesen der gesamte Motor auseinandergepflückt, gereinigt,
inspiziert, ausgebessert und schließlich erstaunlicherweise auch wieder
funktionstüchtig zusammengebaut. Bei dem ganzen drunter und drüber, ohne
erkennbare Ordnung beim Zerlegen und vor allem komplett ohne eigenes
Werkzeug mitgebracht zu haben grenzt das schon fast an ein Wunder. Während
sie ein riesiges Chaos veranstaltet haben, haben sie zwischendurch immer
wieder beherzt und fröhlich auf den Boden gespuckt und gequalmt haben alle
wie die Schlote. Unter den ganzen Chinesen die unseren Maschinenraum
unsicher gemacht haben konnte ich nicht einen Nichtraucher entdecken. So
glich unsere Werkstatt dann auch öfter einer Räucherkammer. Ich könnte so
weiter erzählen aber das würde erstens hässlich werden und zweitens gilt
dieses Benehmen wohl auch eher für die Arbeiterschicht. Immerhin ein
hamburger Hafenarbeiter schneidet hinsichtlich seiner Umgangsformen im
Vergleich noch mit einem sehr gut ab. Jetzt aber noch kurz zu den restlichen
ausgeführten Arbeiten. In der ersten Luke haben wir ein weiteres
Zwischendeck eingebaut bekommen, der Rumpf wurde gereinigt und neu mit
Antifouling gestrichen, wie auch sonst das Schiff allgemein aufgehübscht
wurde. Die gesamte Werftzeit über haben wir fast täglich zwölf Stunden
rangeklotzt so dass ich auch nur zwei Mal in die Stadt gekommen bin. Diese
Stadt hat mich allerdings dann doch überrascht, denn es gibt hier alle
Annehmlichkeiten einer Großstadt und es fehlt an nichts. Sehr erfreulich
nach dem ersten Eindruck in Longkou. Eines muß man den Chinese lassen, sie
kleckern nicht sie klotzen. Bei meinem ersten Ausflug in die Stadt, ohne zu
wissen wohin genau, habe ich gedacht ich fahre einfach mal zu den
Hochhäusern die man vom Hafen aus sehen kann. Hochhaus = Stadt. Dachte ich
mir zumindest. Mir wurde zwar gesagt das hier niemand Englisch spricht aber
die Worte City und Shopping sollte wohl jeder kennen... meiner Überlegung
nach. Ich habe mich also an die Straße vor der Werft gestellt und ein Taxi
rangewunken. Tür auf; Ich in fließendem Chinesisch: Nihau. Taxifahrer:
Chingchangchong. Ich: City?! Er: Chingchangchong. Ich: Shopping???!! Er:
Blablabla. Bams, Tür zu. War wohl nix. Warten auf das nächste Taxi. Selber
Text anderer Fahrer. Bams, Tür zu, wieder nichts. In das nächste Taxi bin
ich einfach eingestiegen und hab mit der Hand auf die Hochhäuser gezeigt.
Das Gesicht des Taxifahrers hellt sich auf. Ich denke; Aha, er hat
verstanden, super... Wir fahren lustig durch die Gegend und so ziemlich in
die richtige Richtung, nur irgendwie sind die Straßen ganz schön marode. Und
auch gar keine Beleuchtung und so merkwürdig... Nach einer halben Stunde
oder so kommen wir dann bei besagten Hochhäusern an, merkwürdig kein
einziges Licht an. Keiner zu Hause? Und dann dämmerte es mir, da wohnt noch
gar keiner. Das ist alles neu. Man stelle sich die Hafencity in Hamburg vor,
nur fünf mal so groß und fünf mal so hoch. Taxifahrer: Chingchangchong. Ich:
City, Shopping, buhuhuuuu... Außerdem hab ich auch noch keinen einzigen
Chinapfennig in der Tasche gehabt. Aber zum Glück wohnte bei den Hochhäusern
noch keiner aber es gab schon eine Bank mit funktionierendem Geldautomaten.
Und als ich gerade aussteige läuft auch noch ein junger Chinese längs, der
dann sogar noch ein wenig Englisch spricht. City, Shopping??! Yes. Not here.
Other side. Aha. Er also zum Taxifahrer Chingchangchong und endlich wusste
der wo er mich hinbringen sollte. Also wieder eine halbe Stunde in die
andere Richtung und tatatataaaaa Stadt, sogar eine große Stadt.
Hervorragend. Eine Stunde kreuz und quer Taxi fahren, 8 Euro. Leider war es
nun aber schon so spät geworden, die Geschäfte schließen üblicherweise um
neun, dass ich nur noch einmal kurz die Einkaufsstraße rauf und runter
maschieren konnte. Aber jetzt wusste ich ja bescheid fürs nächste Mal. Ich
wollte gerade schon wieder zum Hafen zurückfahren da habe ich noch einen
offenen Friseur gesehen der sehr einladend und sauber aussah und den ich
außerdem dringend nötig hatte. Ich also rein, ganz wichtig wird die Tür
aufgemacht von einem kleinen adrettgekleideten Chinesen mit Funkgerät im
Ohr. Oh man, ob das meine Preisklasse ist war ich mir nicht so sicher. Ein
bisschen Englisch sprachen sie dort auch. Cut, 25 Yuan. (4 Euro) Super.
Ablegen, Waschen, Schneiden, wieder Waschen, Föhnen, Stylen. Und zum
Abschluss noch ein Gruppenfoto mit dem ganzen Friseurteam. Irgendwie kommen
dort wohl nicht so viele Europäer vorbei hatte ich das Gefühl. Der Friseur
war also erledigt und ich konnte nach Hause. Zum Glück habe ich bevor ich
losgefahren bin noch ein Foto von dem Werfttor samt Namensschild gemacht
welches ich dem Taxifahrer zeigen konnte. Der kannte zwar wohl die Werft
nicht, begriff aber das es was mit Schiffen zu tun haben musste. Er zeigt
auf das Foto. Ich: Yes, to the port, ship... Er grinst. Ich: Ship??!
Harbour!? Ship tuuuuuuuuutuuuuuuuut. Er: Tuuuuuuuutuuuuuuuut???! Ich: Yes,
tuuuuutuuuuut. Er sieht aus als wenn er verstanden hätte. Wir probieren es
und tatsächlich kommen wir gleich beim ersten Versuch dort an. Juchuuu.
Mission erfolgreich abgeschlossen.

Nach dieser unterhaltsamen Geschichte bin ich noch ein weiteres Mal in der
Stadt gewesen, zusammen mit unserem 2. und 3. Ing. Da hatten wir dann aber
besser vorgesorgt und uns die Adresse von der Shopping Mall und von der
Werft vorher aufschreiben lassen. Macht das ganze unendlich einfacher :-)

Das war es so ungefähr mit dem was es aus Tianjin zu berichten gibt. Beim
nächsten Mal geht es weiter mit Shanghai. Die Geschichte wird noch besser.
Versprochen.

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